Rabie Peric-Jasar

Steckbrief

 

Rabie Peric-Jasar

58 Jahre

Muslimische Romni aus Mazedonien

Romanes, Mazedonisch, B/K/S, Bulgarisch, Deutsch, Türkisch (Grundkenntnisse)

 

Sportgymnasium in Skopje/Mazedonien, 6 Monate Kurs pädagogische Krankenschwester. Pädagogische Akademie in Skopje/Mazedonien

 

Muttersprachenlehrerin für Romanes (VS Johnstraße, ZIS Kröllgasse, 1150 Wien), Beraterin und Betreuerin (Beratungsstelle REBAS), Schauspielerin, („Das Pferd auf dem Balkon“ Tabak Hüseyin, „Migrantigen“ Arman T.Riahi, „Wilde Maus“ Josef Hader), Obfrau Romano Centro, Auszeichnung (Immi-Preis)

 

Kochen, Tanzen mit Kinder, reisefreudig

 

Ständig im Kontakt mit Roma, sowohl beruflich als auch privat ist sie Romni wie andere auch. Unterstützung von Roma 24 Stunden am Tag

 

Höhere Ausbildung für Roma-Kinder. Keine Unterdrückung und Diskriminierung mehr von Seiten der Mehrheitsgesellschaft. Mehr outen von Roma-Angehörigen auch mit Ausbildung. Selbstrepräsentation ist wichtig

Foto: Jenny Olaya-Peickner

Rabie Peric-Jasar

58, Lehrerin, Beraterin und Schauspielerin

Name:

Alter:

Nationalität:

Sprachen:

 

 

Ausbildung:

 

 

 

Beruf:

 

 

 

 

 

 

Hobbys:

 

Lebensweise:

 

 

Motto/Ziel:

VIVARO

Rabie Perics Leitorientierung ist der Kampf gegen Diskriminierung. Dies hängt mit ihrer Kindheit beziehungsweise mit ihrer Jugend zusammen. Vor 40 Jahren wurde sie in der Schule selbst diskriminiert, ihr Klassenvorstand hatte ihr einmal erklärt, Roma könnten kein Gymnasium abschließen.

 

Tasche statt Besen

 

Perics Mutter war zwar Analphabetin, setzte sich aber sehr ambitioniert für die Ausbildung ihre Tochter ein und beschwerte sich bei der Direktorin über diese Diskriminierung: „Meine Mutter hat sich für uns immer gewünscht, dass wir eine Tasche in der Hand halten und keinen Besen“, sagt die 58-Jährige. Eine Metapher für Bildung und Ausbildung. Gesagt, getan. Peric studierte und wurde Lehrerin.

 

Prägend war für die 58-jährige, dass sie in Mazedonien in einem reichen Nicht-Roma-Bezirk aufwuchs. Bereits dort übte sie einen Einfluss auf die mazedonische Mehrheitsgesellschaft in puncto Diskriminierung gegenüber Roma und den Kampf dagegen aus. „Ich bin mit Nicht-Roma aufgewachsen, aber trotzdem hatten meine Muttersprache Romanes und meine Identität eine große Bedeutung für mich. Ich war auch, wie die anderen, Ski fahren und meine Eltern haben sich teures Equipment leisten können“.

 

Als Peric nach Wien migrierte, war sie zunächst als Reinigungskraft tätig bevor sie Dragan Jevremovic – ehemaliger Obmann und Gründer des Vereins Romano Centro - kennenlernte. Mit den Jahren kehrte sie schlussendlich zu ihren beruflichen Wurzeln als Pädagogin zurück. 1999 war sie eine der ersten-Schulassistentinnen (Schulmediatorin) in Wien. Ein Jahr später die erste Muttersprachenlehrerin für Romanes.

Heute kann man sagen, dass Rabie Peric „beide Welten“ kennt und auch weiß, dass es Romnja gibt, die in patriarchalen Strukturen leben und Mehrfachbelastungen ausgesetzt sind. Sie pendeln zwischen Haushalt und Kindern umher und müssen den Ehemann respektieren: „Es gibt ein Sprichwort: Frauen halten das Haus zusammen. Sie sind die Säule“, so die 58-Jährige.

 

Dennoch vermerkt Rabie eine Generationenveränderung. Früher war es vielen Romnja, je nach unterschiedlicher Roma-Gruppenzugehörigkeit, verwehrt, die Schule zu besuchen. Außerdem gab es für sie strenge Kleidungsvorschriften. Mittlerweile jedoch besuchen die Kinder die Schule und das Bildungsbewusstsein steigt von Generation zu Generation.

„Es gibt heute eigentlich kaum Unterschiede zwischen Nicht-Roma und Roma. Roma-stämmige Personen leben ein ähnliches Leben wie alle anderen, behalten aber trotzdem noch ihre Identität. Tradition und Respekt sind wichtig. Wir Romnja kämpfen für ihre aber auch für Jugendrechte“, betont sie und wirft als Romni, die sich zum Islam bekennt, ein, dass natürlich auch muslimische Roma ein modernes Leben führen. „Sie treffen sich, gehen in Restaurants und in Kinos. Auch Frauen mit Kopftuch gehen in die Disko; die einzige Grenze in der Religion ist der Alkohol“.

 

Die medialen negativen Klischees hängen, laut ihr, mit historische Berufen von Roma zusammen, welche nach wie vor stereotypisiert werden. Und dass, obwohl mittlerweile alle Berufe verschiedenen Einflüssen erlegen sind und immer mehr verschwimmen. Dennoch werden in den Medien hauptsächlich Vorurteile und Klischees gezeigt. Rabie kennt sie alle: „Roma betteln. Oft sind es aber Menschen aus Rumänien, die mit Roma gleichgesetzt werden“, glaubt sie, „Außerdem hängt Diebstahl, den es oft gibt, mit Armut und nicht mit der ethnischen Zugehörigkeit zusammen. Als Muslimin bin ich auch nicht automatisch eine Terroristin, aber diese Vorurteile und Generalsierungen existieren leider im medialen Diskurs“.

Mehr Sichtbarkeit

 

„Verändern können wir dieses Bild nur, indem wir uns alle die Hände reichen, eine Kette bilden und zeigen, dass wir ausgebildet sind. Es braucht mehr Sichtbarkeit. Wir haben genug Rechtsanwältinnen und Romnja, die in der Bank tätig sind. Aus Angst vor Jobverlust bekennen sich viele nicht zu ihrer Gruppenzugehörigkeit. Nach wie vor existiert Antiziganismus und Diskriminierung, auch am Arbeitsplatz, weswegen sich viele Roma und Romnja nicht bekennen wollen“, erzählt die Pädagogin wütend.

 

Solidarität und Selbstrepräsentation sind wichtige Schritte, um zur Veränderung gewisser Vorurteile und Unwissen beizutragen. Denn als Muttersprachenlehrerin weiß sie, dass sich viele Kinder in der Schule als TürkInnen oder SerbInnen outen. „Sie alle bekennen sich zu ihrer Nationalität, nur die Roma verschweigen ihre ethnische Zugehörigkeit“, sagt sie. Rabie möchte da einen Beitrag leisten. Sie will, dass mehr Romanes gesprochen wird und die Menschen empowert werden. So wie in ihrer Schule, wo sie durch Tänze und verschiedene Musik die SchülerInnen zusammenbringt, und wo dann auch Roma-Kinder ihre Zugehörigkeit nicht mehr kaschieren. Den Eltern und anderen Roma legt sie ebenfalls nahe, welchen hohen Stellenwert Bildung, Ausbildung und Weiterbildung hat. In jedem Alter.

 

Rabie Peric wird innerhalb und außerhalb der Community für ihre Arbeit geschätzt. Ihre Art 24 Stunden am Tag lösungsorientiert zu denken und zu handeln, hat sie für viele zum Vorbild werden lassen. Die Menschen haben ihr deshalb sogar einen Spitznamen gegeben, der sie mit großem Stolz erfüllt und alles ausdrückt, wofür sie steht: Die Roma-Oma.

 

Copyright @ All Rights Reserved